Der Midlifecrisis keine Chance
Der Begriff der Midlifecrisis wurde von einer Autorin geprägt. 1974 veröffentlichte die amerikanische Schriftstellerin Gail Sheehy einen Roman mit dem Namen „In der Mitte des Lebens“. Basierend auf der Annahme, dass die meisten Menschen einen Lebensplan mit konkreten Abschnittszielen haben, beschreibt sie darin die psychologische Situation von Menschen, die ihren Status bei Erreichung ihrer Ziele mit negativem oder unbefriedigendem Ergebnis reflektieren.
Auf die eine oder andere Weise geraten sie dadurch in eine psychologische Krise. Als psychologische Krankheit ist die Midlifecrisis in der Fachwelt mehr als umstritten. Als Auslöser für psychologische Folgekrankheiten oder als Symptom für eine beginnende Erkrankung, wie zum Beispiel eine Depression, durchaus anerkannt. Womit haben wir es aber bei der Midlifecrisis tatsächlich zu tun? Warum ist sie in aller Munde, obwohl sie niemand richtig erklären kann?
Die Antwort hat eventuell auf eine indirekte Weise mit Bahnhöfen zu tun.
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Midlifecrisis – Pünktlich angekommen, aber falscher Bahnsteig

Das hat bestimmt jeder schon mal erlebt. Der Zug fährt in den Bahnhof ein, zum Umsteigen haben wir etwa 60 Sekunden Zeit, aber leider kommt der Zug zur richtigen Zeit an, jedoch auf dem falschen Bahnsteig. Statt zum gegenüberliegenden Gleis zu gehen, müssen wir quer durch den ganzen Bahnhof, zum anderen Ende rennen. Im ungünstigsten Fall ist der Anschlusszug weg. Noch deutlicher wird die Misere, wenn wir kurz vor der Abfahrt unseres Zuges mit dem Taxi vor dem Bahnhof eintreffen. In größter Eile rennen wir auf den Bahnsteig sieben, um dort zu sehen, dass der Zug gerade von Bahnsteig 12 abfährt. Was hat das mit der Midlifecrisis zu tun? Eine ganze Menge. Vieles in unserer Vorstellung vom Leben ist durch gesellschaftliche Normen geprägt, die andere für uns festlegen. Was die Mitmenschen um uns herum für richtig halten, das übernehmen wir fast ungefiltert in unsere eigene Denkweise. Mit 40 Abteilungsleiter, aber trotzdem nicht zufrieden? Das muss nicht passieren, kann aber. Wenn die innere Veranlagung des Abteilungsleiters eigentlich darin bestanden hat, ein Schriftsteller oder Maler zu werden, dann wird er in seiner Tätigkeit niemals wirklich Erfüllung finden. Die Midlifecrisis ist vorprogrammiert. Das gleiche Problem bekommt allerdings der Schriftsteller, der seinem gesellschaftlichen Umfeld zuliebe diesen Weg eingeschlagen hat, obwohl er viel lieber Buchhalter statt Buchautor werden wollte. Die gesellschaftlichen Normen, die manchmal Eigenschaften von Massensuggestion annehmen, haben gelegentlich ungewollte und verborgene Auswirkungen auf unseren Alltag. Das Ziel ist erreicht, wir wollten aber ganz woanders hin. Menschen mit bewegten Schicksalen wissen über die unvermuteten Wechselfälle des Lebens ganze Bücher zu schreiben. Unsere Neigung, Ziele für das ganze Leben zu formulieren, entspricht einer Mischung aus gesellschaftlicher Norm und Faulheit mehr als unserer tatsächlichen Veranlagung. Denn manchmal kommt es ganz anders, als geplant. Über einen Zeitraum von mehreren hundert Millionen Jahren ist unsere Spezies durch Wälder und Savannen gestreift, ohne beim Aufstehen zu wissen, was es zum Mittagessen geben wird. 50000 Jahre gesellschaftliche Normen können das nicht einfach auslöschen. Jedenfalls nicht ohne Midlifecrisis.

Man ist so alt, wie man sich fühltPatrickStewart2004-08-03

Dieser Spruch ist nett, deshalb zieht ihn kaum jemand in Zweifel. Wenn´s konkret wird,
dann sind die Meinungen aber durchaus geteilt. Kommt auf der Straße ein 60-jähriger Arm in Arm mit einer 25-jährigen und die beiden knutschen auch noch, dann äußern die meisten nicht oben angeführtes Zitat, sondern eher weniger schmeichelhafte Dinge über sein Geld und ihre Absichten.
Das liegt an unseren gesellschaftlichen Normen. Im günstigsten Fall werden mitleidige Vermutungen darüber angestellt, wie das Paar wohl in 20 Jahren aussieht und miteinander zurecht kommen wird. Die Massensuggestion redet uns ein, dass alte Menschen in verschiedener Hinsicht nicht mehr normgerecht handeln können. Das war durchaus nicht immer so. Vor einigen tausend Jahren, als es noch keine Handys, keine Zeitungen und manipulierende Medien gab, da wurden die Alten nachweislich sehr hoch geachtet. Das hatte weniger mit moralischen, als viel mehr mit rein praktischen Erwägungen zu tun. Die Alten hatten einfach mehr Erfahrungen gesammelt. Sie konnten den umherziehenden Familienclans mit der höchsten Wahrscheinlichkeit plausibel machen, wo es im nächsten Jahr ordentlich zu Essen gibt oder wie die Ernte ausfallen wird.
Erst mit der Industrieproduktion entstand der Aberglaube, dass die Alten über 40 nichts mehr taugen. Wer sich diese Massensuggestion als seine eigene Meinung annimmt, der fällt ihr auch zum Opfer. Selber denken, selber fühlen, selber entscheiden – dann hat das Psychomonster Midlifecrisis keine Chance.

Bildquelle:

©Patrick Caughey, via Wikimedia Commons

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